PREMIERE FÜR ELEKTRO-ZUG : Stadler flirtet mit Akku-Zügen

Quelle: svz.de / Author & Foto: Roland Becker

Zughersteller präsentiert erste Fahrzeuge mit Elektro-Antrieb ohne Oberleitung

Die in Berlin-Pankow und Velten ansässige Firma Stadler hat erstmals ihren batteriebetriebenen Nahverkehrszug „Flirt Akku“ vorgestellt. Vom Firmengelände in Pankow ging die Fahrt zum stillgelegten Schildower Bahnhof.

„Ist der eigentlich eingebaute Hamster doch müde geworden?“, scherzte auf der Strecke ein Journalist. Dass der „Flirt Akku“ zu der Zeit nur im Schritttempo fuhr, lag aber nicht daran, dass die Batterie bereits schlappgemacht hatte. Eher galt es, die eigentlich nicht befahrene Strecke der alten Heidekrautbahn mit besonderer Vorsicht zu passieren.

Der Zug, für den Stadler bereits die Zulassung durch das Eisenbahnbundesamt in der Tasche hat, soll bereits Anfang 2019 seine Taufe im Streckennetz erleben. „Wir hoffen, dass wir ihn dann hier vor der Haustür haben werden.“ Steffen Obst, bei Stadler Leiter des Deutschland-Vertriebs, zielt damit auf das Berlin-Brandenburger Streckennetz. Auf Nachfrage bestätigte er: „Die Strecke nach Rheinsberg wäre ideal.“ Man sei bereits mit der Niederbarnimer Eisenbahn (NBE), die die saisonal genutzte Strecke betreibt, im Gespräch.

Die sowohl im Inneren als auch auf dem Dach installierten Batterien des „Flirt Akku“ haben eine Reichweite von 80 Kilometern. Der Zug kann dabei bis zu 140 Kilometer pro Stunde erreichen. Der normale Flirt bringt es auf Tempo 160. Stadler zielt mit seinem innovativen Zug auf Kunden, die nicht vollständig elektrifizierte Strecken befahren. Solche Lücken im Stromnetz, die zum Beispiel die Verbindung nach Rheinsberg, aber auch die nach Templin haben, können mit dem Akku-Zug überbrückt werden. Für 80 Prozent der nicht elektrifizierten Strecken in Deutschland reicht die Reichweite des Batterie-Flirts. Mittelfristig sei auch ein Einsatz auf der Strecke Berlin-Stettin vorstellbar. Allerdings fehlt dem „Flirt Akku“ bislang noch die Zulassung für Polen.

Das Laden der Batterien ist nicht nur an Endbahnhöfen möglich, sondern auch unterwegs. Während der Fahrt können die Batterien auf elektrifizierten Abschnitten aus der Oberleitung gespeist werden. Stadler sieht sich in der Entwicklung des batteriebetriebenen Zugs eher am Anfang. Ziel ist es, nach und nach sowohl Reichweite als auch die Geschwindigkeit steigern zu können.

Für den Fahrgast ist das Reisen im Batterie-Zug durchaus angenehm. Fahrtgeräusche sind kaum zu vernehmen. „Und darüber freuen sich auch die, die an den Schienen wohnen“, sagte Obst. Man habe bereits beobachten können, dass sich Leute in ihren Gärten erschraken, wenn sie plötzlich einen Zug sahen, der sich vorher durch kein Geräusch angekündigt hatte. Gegenüber den Diesel-Fahrzeugen sei das eine erhebliche Lärm-Entlastung. Apropos Diesel. Während mit Diesel betriebene Züge erheblich die Umwelt belasten, spricht Obst beim „Flirt Akku“ von einem emissionsfreien Zug. Für den Kunden schlage zudem zu Buche, dass laut Obst ein Dieselfahrzeug einen wesentlich höheren Anteil an Verschleißteilen besitze.

Wenn die Testfahrten im regulären Fahrbetrieb erfolgreich verlaufen, rechnet sich Stadler gute Marktchancen aus. Verkehrsverbünde schreiben seiner Erfahrung nach Aufträge jetzt bereits häufig mit der Maßgabe aus, statt auf Dieselbetrieb auf alternative Energieformen zu setzen. Stadler will sich an Ausschreibungen für Fahrzeuge auf den Schienennetzen in Schleswig-Holstein, im Münsterland und in Rheinland-Pfalz beteiligen. Aber auch der internationale Markt soll bedient werden.

Schon in der Vergangenheit trumpfte das Unternehmen mit Stammsitz in der Schweiz mit zukunftsträchtigen Ideen und Testläufen auf. So wurde im Mai 2011 auf einem Testgleis zwischen Velten und Hennigsdorf von einer Vario-Straßenbahn ein Streckenrekord für batteriebetriebenes Fahren aufgestellt. Die Tram fuhr laut Stadler-Sprecherin Katrin Bloch 19,8 Kilometer. Damit sicherte sich das Unternehmen einen Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde.

Roland Becker

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