Warum die neuen Züge der NEB Probleme bereiten

Quelle: tagesspiegel.de / Author & Foto: Jörn Hasselmann

Der Bahnverkehr ins Nachbarland soll ausgebaut werden – doch die Technik spielt bei der Niederbarnimer Eisenbahn nicht mit. Schon der Start war pannenreich

Bis nach Polen sollte die Sonderfahrt gehen, doch der Zug kam nur von Gesundbrunnen bis Lichtenberg. Dort war Schluss, einer der beiden Triebwagen kaputt. Ausgerechnet war bei dieser Sonderfahrt auch der Chef der Niederbarnimer Eisenbahn an Bord, und 130 Politiker der SPD, die für bessere Schienenverbindungen nach Polen werben wollten. Als der Lokführer durchsagte, dass die Fahrgäste doch bitte aus dem hinteren Zugteil aussteigen sollen, platzte Detlef Bröcker der Kragen. „Alles Schrott“, schimpfte der NEB-Geschäftsführer

Denn die Panne war keine Ausnahme, im Gegenteil. Seit einer Woche kämpft die Niederbarnimer Eisenbahn mit besonders heftigen Ausfällen, wie Bröcker sagt. Die Privatbahn betreibt neben ihren eigenen Strecken Richtung Basdorf im Auftrag des VBB unter anderem die Regionalbahnlinie 26 nach Küstrin bzw. Gorzow (Landsberg). Dafür hat die NEB elf dieser Triebwagen vom Typ „Link“ beim polnischen Hersteller Pesa gekauft, der Clou ist: Die Züge haben die deutsche und die polnische Zulassung, dürfen also über die Grenze.

Die Computer funktionieren nicht

2016 kamen sieben Triebwagen zur NEB, 2018 weitere vier. „Wenn es kein Einvernehmen gibt, wird das juristisch ausgefochten“, sagte Bröcker dem Tagesspiegel. Ein Gericht müsse dann klären, wie gravierend die Mängel an den zuletzt gelieferten vier Fahrzeugen seien. „Bislang haben wir kein Fahrzeug endgültig abgenommen“, sagt Bröcker – eine deutliche Mahnung in Richtung Bydgoszcz (Bromberg).

In der nordpolnischen Stadt werden die „Links“ zusammengebaut. Doch die Computer funktionieren nicht. Besonders schlimm sei es, wenn zwei oder drei Fahrzeuge zusammengekuppelt werden sollen. Auf der Ostbahn nach Küstrin ist der Andrang so groß, dass die Züge planmäßig teilweise in Dreifachtraktion fahren sollen. Ein Fahrgast beschrieb die Fülle so: „Umfallen kann man nicht mehr.“ Den Schaden hat die NEB auch finanziell: Denn der VBB als Besteller kürzt die Zahlung bei solchen Ausfällen.

„Die Rechner vertragen sich einfach nicht“, berichtet ein NEB-Lokführer. Intern werden Strichlisten geführt, welcher Zug sich mit welchem „verträgt“. Doch auch das sei keine Garantie, sagt Bröcker, die Fehler träten „irgendwann, an jedem Fahrzeug, immer neu und nicht planbar auf“. Bei der SPD-Sonderfahrt meldete die Technik ein heißgelaufenes Achslager – exakt ab Tempo 40. Bis 39 km/h war alles in Ordnung. „Nicht gerade plausibel“, ätzt Bröcker. Also zuckelte der Zug mit Tempo 39 bis Lichtenberg und wurde dort abgekuppelt.

Schon der Start 2016 war pannenreich

Leider sei die Kooperation mit Pesa bei der zweiten Lieferung „wesentlich schlechter“, kritisiert Bröcker. Pannenreich sei ja schon der Start 2016 mit den ersten sieben Fahrzeugen gewesen, doch da hätte Pesa vier Monteure in die NEB-Werkstatt in Basdorf entsendet und „die Fahrzeuge stabilisiert“. Diesen Vor-Ort-Service gebe es nicht mehr. „Pesa sagt, wir denken uns die Fehler aus“, ärgert sich der NEB-Chef. Nochmal werde er bei Pesa sicher keine Züge kaufen – „nach diesen Erfahrungen“. 

Massiven Ärger hat Pesa auch mit der Deutschen Bahn, die etwa 70 Züge für Nordrhein-Westfalen und Hessen gekauft hat. Beim Verkehrsverbund Westfalen-Lippe sollten die mit zwei Jahren Verspätung an die Deutsche Bahn gelieferten „Links“ im Sauerland eingesetzt werden – ohne jeden Test im neuen Einsatzgebiet. Nach einer Pannenserie zog der Verkehrsverbund nach nur drei Wochen die Notbremse. Der Pesa-Einsatz wurde gestoppt, jeder Zug muss nach Angaben der Deutschen Bahn noch einmal in die Werkstatt, solange fahren wieder alte Züge. Nach der „Rollkur“ für jeden einzelnen Zug werden sie wieder eingesetzt. 

„Die komplexe Fahrzeugleittechnik ist der größte Störfaktor“, heißt es in einer Mitteilung des Verkehrsverbunds. Die Westfalenpost titelte: „Die neuen Züge sind eine Katastrophe.“ Die Regentalbahn hatte 2015 kurzerhand den Vertrag mit Pesa gekündigt, weil die zwölf bestellten Züge keine deutsche Zulassung bekamen – und ein anderes Modell gekauft.

Diese Möglichkeit hatte die NEB nicht. Für die Fahrt nach Polen gibt es keine Alternative zum „Link“ mit seiner Doppelzulassung. Eher werden mehr Züge gebraucht, der Verkehr mit Polen soll ja ausgeweitet werden.

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